Das Vortragekreuz

Das Vortragekreuz der Pfarrkirche St. Katharina in Bad Soden a. Ts. wurde 2007 aus Anlass des 50- jährigen Kirchweihfestes angeschafft. Es handelt sich um eine handgefertigte Arbeit aus Messing, vergoldet, die in Verbindung mit blauen Plexiglasplatten und einem Bergkristall im Mittelpunkt der Kreuzbalken von dem Würzburger Goldschmied Markus Engert geschaffen wurde.

 

In der Schlichtheit und Klarheit der Formen und der Farben hat sich der Goldschmied am Stil der Kirche orientiert. Im Material vereinen sich klassische, traditionelle Elemente wie Gold und Bergkristall mit modernem Plexiglas und geben so dem Werk rein äußerlich seinen aktuellen Charakter.

 

Das Kreuz ist formal als lateinisches Kreuz gestaltet, d.h. der Querbalken ist kürzer als der Längsbalken. Dabei sind die Balken breit und kräftig, so dass uns dieses Kreuz markant vor Augen steht oder sogar geradezu massiv im Weg. Wuchtig und schwer erscheint sein Umriss. Im Gegensatz hierzu leuchtet das Gold. Es hebt durch seinen Glanz alles Lastende auf. Nicht umsonst steht das Gold seit jeher als Symbol für die Sonne, das Licht, Bestand und Ewigkeit, ja für Gottvater selbst. Es verklärt alles Schwere, das es umhüllt. In diesem Sinne sind auch viele Kreuze des frühen Mittelalters als prächtige Triumphalkreuze nicht nur mit Gold umkleidet, sondern auch mit Edelsteinen, Emails, Gemmen und Kameen geschmückt worden. In der Wahl der Steine und der Farben orientierte man sich dabei an den Schilderungen des Himmlischen Jerusalems aus der Offenbarung des Johannes mit dem Ziel, das Kreuz als Zeichen des Sieges über den Tod darzustellen. In der Wahl des Materials sind wir nun sehr viel schlichter geworden, aber in der inhaltlichen Aussage hat sich nicht viel verändert.

 

Das Kreuz der goldenen Balken wiederholt sich im Blau der Plexiglasplatten, die anstelle eines Kruzifixes stehen und die kräftigen Balken durchdringen. Hier ist eben nicht Christus gegenständlich als Mensch zu sehen, sondern als Kreuzzeichen. Christus und das Kreuz sind identisch. Gott, Mensch und das Kreuz sind dasselbe. In derselben Farbe, in der große Teile der Kirchenfenster im Altarraum von St. Katharina gehalten sind, nämlich im Blau des Himmels, verweist auch dieses Kreuz im Kreuz auf die Erlösung in Christus. Es ist sozusagen das Bild seines verwandelten Leibes.

 

Im Mittelpunkt des Kreuzes, dort, wo alles zusam- mentrifft, verdichtet sich die Form in einem Kristallisationspunkt, der durchsichtig ist. Der Bergkristall ist so klar, dass er den Blick freigibt auf das, was hinter dem Kreuz, dem Leid, steht. Er ermöglicht dem Betrachter im Licht des Geistes und des Glaubens den Blick auf das ewige Leben. So wie er als pyramidenförmiger Kristallisationspunkt alles licht in sich zu vereinen scheint, so strahlt er auf der anderen Seite eben dieses Licht wieder von sich ab. Trägt man das Kreuz bei einer Prozession draußen durch die Sonne oder in der Kirche durch die künstliche Beleuchtung, so wird besonders deutlich, welche Rolle dem Licht, das den Stein beleuchtet oder durch ihn hindurch leuchtet, zukommt.

 

Der Bergkristall, der das licht- und lebenspendende Herzstück des Kreuzes bildet, ist quadratisch und von einem blauen Rahmen gefasst, der das Quadrat noch einmal betont. Insbesondere durch dieses geometrische Detail wird noch ein anderer Aspekt in der Gestaltung des Kreuzes sichtbar.

 

Neben dem Kreuz ist es nämlich der Kreis, aber auch das Quadrat, das zu den Ursymbolen der Menschheit überhaupt gehört. Es spielt an auf die Zahl 4. Ihr wird seit jeher, angefangen mit der griechischen Philosophie und Mathematik, so wie vielen anderen Zahlen, eine besondere symbolische Bedeutung zugeschrieben. Wir bringen diese Zahl in Verbindung mit den 4 Himmelsrichtungen, den 4 Jahreszeiten, den 4 Tageszeiten, den 4 Kardinaltugenden (Klugheit, Maß, Stärke, Gerechtigkeit), den 4 Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) u.s.w., also den Dingen, die dem weltlichen Bereich zuzuordnen sind. Zu diesem weltlichen Bereich gehört auch das Kreuz mit seinen 4 Armen, die in alle 4 Himmelsrichtungen weisen und damit sozusagen die Erde umfassen. Hiermit bekommt das Kreuz eine Bedeutung, die weit über es selbst hinausweist, ja es zu einem Zeichen für den Kosmos insgesamt macht. Das Kreuz als Kosmoszeichen, das gleichzeitig ein Zeichen der Ordnung ist, ist aber wiederum in vielen auch außerchristlichen Kulturen bekannt.

 

Die pyramidale Form des Bergkristalls führt dazu, dass seine Seiten dreieckig sind. Das Dreieck ist in der christlichen Ikonographie immer schon ein Zeichen für die Dreifaltigkeit Gottes gewesen und als solches insbesondere in der kirchlichen Malerei oft zu sehen. Auch die 3 als Zahl hat die Bedeutung von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist ebenso wie von Glaube, Hoffnung und Liebe (den 3 christlichen Tugenden) oder der Vollkommenheit schlechthin. Sie verweist hiermit auf den Bereich des Himmels, des Überirdischen, Göttlichen. In der 3. Dimension schließlich wird auch mathematisch der Raum erfasst, wodurch noch einmal der kosmologische Gesichtspunkt in den Blick gerückt wird. Bei unserem Vortragekreuz spielt die 3 eine Rolle auch in der Auswahl der Farben (Gold, Blau, Weiß) sowie der Materialien (Gold, Plexiglas, Bergkristall).

Während die 4, wie gesagt, auf den irdischen Bereich verweist, steht die 3 für die himmlischen Sphären. Durch das Kreuz verschmelzen beide, Erde und Himmel, Leid und Erlösung zu einer untrennbaren Einheit. Diese ungetrübte Einheit leuchtet durch den Bergkristall im Zentrum des Kreuzes. Erst aus diesem Licht, von innen und aus der Mitte her- aus, erhellt sich das Kreuz und bekommt seinen Sinn. So wie das Vortragekreuz durch den Bergkristall als Zeichen für den Geist Gottes, der die Liebe ist, erleuchtet wird, so kann der durch Leid und Tod begrenzte Mensch, der rein formal auch mit dem Kreuz identisch ist - Kreuzform hat - vom Licht des Glaubens her erlöst werden.

 

Dr. Hildegard Lütkenhaus